Heute spielt Kuchen nur eine untergeordnete Rolle. Und das kam so (bitte Taschentücher bereit halten):
Einige Tage vor besagtem Freitag, dem Freitag in der Woche vor der Hochzeit, der Freitag der standesamtlichen Trauung und der Freitag, an dem ich in tiefste Verzweiflung gestoßen wurde, also einige Tage vor dem Freitag, an dem der Polterabend stattfand, nämlich so ungefähr Anfang der Woche nach dem Freitag mit der Kuchenprobe, fand ich mich gegenüber bei Doris ein und sie zeigte mir die Liste mit den Salaten, die gute Geister für den Polterabend am 20.08.2010 herstellen wollten.
Das war eine sehr lange Liste und ich - Stadtkind ohne Ahnung, was auf Dörfern so abgeht - meinte: "Öhm, ich kann auch einen Salat machen. Aber wer soll das alles essen?" Doris: "Wir erwarten ungefähr 300 Gäste." Ich habe dann zwei Salate gemacht.
Einen Kichererbsensalat, der mir überhaupt nicht geschmeckt hat. Den Gästen auch nicht. Kann ich verstehen. Das Rezept erspare ich euch. Das Foto nicht.
Und den bekannten Bulgursalat (Foto siehe ganz oben), der nicht nur uns mal wieder super geschmeckt hat. Da durfte ich dann gleich am nächsten Tag das Rezept weiterreichen. So soll's sein.
Ach ja, und die Kastanien.
Norbert fragte am späten Nachmittag, wann wir uns denn auf den Weg machen sollen. Ab 19.00 Uhr stand auf der Einladung. Das Stadtkind meinte: "Nicht so früh, wenn wir um 19.00 Uhr antanzen, sind wir vielleicht die Ersten (auf den Boden schmeiss vor Lachen), lass' uns gegen 20.00 Uhr losgehen." Haben wir auch gemacht. Und das mit den Ersten war mein Ernst, ich dachte das wirklich.
Auf dem Weg zum Ort des Geschehens sahen wir viele Menschen, die das gleiche Ziel hatten wie wir. Und viele, viele Andere waren anscheinend doch schon um 19.00 Uhr dort angekommen. Ich kann das Erlebte, das ich bis jetzt kaum verarbeiten konnte, hier nur bruchstückhaft wiedergeben:
Kapelle spielt, Bierstand, super Wetter, Bier zischt, DJ, Zelt mit Salaten (lange Schlange), Biertische, Bänke, Straße vollkommen dicht (überall Menschenmengen), ein trotzdem sehr entspanntes Brautpaar, bekannte Gesichter, Geschirr in der Garageneinfahrt, sensationeller italienischer Brotsalat (Rezept habbisch, juhu!!), unbekannte Gesichter (95% der Anwesenden), Feuerwehrwagen mit riesigem Hänger und Papierregen ohne Ende (ein Glück, dass es nicht geregnet hat), nette Gespräche, kein Durchkommen, Ruth und der Kall-Heinz und wir duzen uns jetzt, 22.00 Uhr - kein einziger Salat ist übrig (nur der mit den Kichererbsen - kann ich immer noch verstehen), meine Lieblingsworte an diesem Abend "Der Wahnsinn" dicht gefolgt von "Dass ich das noch erleben darf" und "Wenn ich das verpasst hätte...."
Ach ja, die Kastanien waren auch schnell weg. Und mich hat tatsächlich Jemand gefragt, wie man die denn isst. Die Kastanien. Ich habe dann gesagt, dass man sie nicht schälen muss. Guckt mal:
Julia, die Schwester der Braut, schenkte mir am Tag der Hochzeit eine Zeitung, die sie ganz liebevoll und ausführlich erstellt hatte. Sehr informativ und sehr lustig. Unter anderem enthielt diese Zeitung auch eine Aufstellung mit Posten des Polterabends. Bis morgens um 5.00 Uhr wurden verzehrt:
560 L Bier, 100 L Apfelwein (vom Bräutigam persönlich hergestellt), 430 Würstchen, 38 (-1) Salate, 10 riesige Brotlaibe mit 2 kg Schmalz bestrichen, 8 Kisten Herzgummibärchen sowie Unmengen von Sekt, Rot- und Weißwein und Softgetränken.
Die anfängliche Schätzung von 300 Gästen wurde am nächsten Tag leicht nach oben korrigiert. Es waren sage und schreibe 600 Leute an diesem Abend zugegen, um mit den lieben Schnabels dieses rauschende Fest zu feiern. Sowas hatte ich in meinem ganzen Leben (Stadtkind) noch nicht mitgemacht und als ich dann so auf dem Bänkchen saß, mir das Treiben anschaute und meine Gedanken schweifen ließ in Richtung "heute in einer Woche ist Hochzeit", da wurde mir auf einmal ganz ganz anders.
Ich sah diese 600 Menschen und alle ihre Angehörigen, Freunde und Bekannten lachen, tuscheln und sich über die Hochzeitstorte, die total missratene, mokieren. Ich sah Fremde mit Fingern auf mich zeigen, ich sah Schmierereien auf Hauswänden und hörte Lacher auf Zusammenkünften, die mir galten. Die Dimension dessen, was da auf mich zukommen könnte, wurde mir an diesem Abend schlagartig und mit brutaler Härte bewusst.
Ich habe dann mit meinem Mann darüber gesprochen. Darüber, ob es etwas gibt, so eine Art Zeugenschutzprogramm für miese Bäcker. Ich dachte an Umzug in eine andere Stadt, den Verzicht auf Kontakt zu Freunden und Familie für lange, lange Zeit, an eine neue Identität und an Gesichtsoperation.
Mein Mann hat mir dann noch kopfschüttelnd ein Bier geholt und mich Gramgebeugte vorsichtig nach Hause geführt.
Als Wegzehrung bis zum nächsten Eintrag will ich euch das Rezept für die Laugenkastanien nicht vorenthalten.
Aussicht auf Teil 5 gefällig? Cake Test Dummies.
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