Ich bin gefragt worden, was denn mein Lieblingsbuch ist. Schon bevor ich den Eintrag
schrieb, habe ich darüber nachgedacht. Aber ich konnte mich eben einfach nicht entscheiden.Deshalb war mein Aufruf auch ein wenig unfair. Aber ihr gebt euer Bestes, das finde ich toll und freue mich darüber.
Als ich gestern Ketex' Kommentar beantwortete, fiel mir urplötzlich mein allerlieblingstes Lieblingsbuch ein. Eigentlich sind es drei Bücher.
Bücher, die man nicht für Geld kaufen kann, die aber viel wertvoller sind als alles, was man für schnöden Mammon bekommt. Bücher, die mit Hingabe geschrieben wurden. In goldenen Zeiten und in Zeiten der Not. Bücher, an denen man Lebenslagen und Befindlichkeiten ablesen kann.
Drei Bücher aus der Familie meines Mannes. Handgeschriebene Kochbücher, die seit 1887 gefüllt wurden mit Köstlichkeiten, aber auch mit Rezepten, die als Beifügung in der Überschrift "Kriegsrecept" oder "Kriegsrezept 1916 Weihnachten" aufweisen.
Als vor fünf Jahren meine Schwiegermutter starb, haben Norbert und ich die Bücher in unsere Obhut nehmen dürfen. Das älteste Exemplar war arg ramponiert. Ein Restaurator hat es auf Vordermann gebracht und nun erstrahlt es in neuem Glanz.
Mit dem Tod der Schwiegermutter endeten auch die Eintragungen. Das letze Buch hat noch viele leere Seiten. Wie schön wäre es gewesen, wenn sie noch gefüllt worden wären.
Heute hat Gisela, meine liebe Schwiegermutter, Geburtstag. Ich freue mich, dass mir gestern einfiel, welchen Schatz wir hier beherbergen, einen, den ihre Urgroßmutter, ihre Großmutter, ihre Mutter und sie selber für uns geschaffen haben.
Norberts Ur-Urgroßmutter hat mit den Eintragungen Ende des vorletzten Jahrhunderts begonnen. Mit einer gestochenen Schrift, die ich aber nur mühsam entziffern kann.
In Mehlem bei Bonn betrieb sie ein Hotel am Rhein und die Rezepte sind manchmal schon ein wenig luxuriös.
Urgroßmutter und Großmutter haben die Tradition des Kochbuchschreibens und Kochens fortgesetzt und auch meine Schwiegermutter hatte das Koch-und Backgen geerbt. Obwohl sie Diabetikerin war, hat sie gebacken, was das Zeug hielt. Bewundert habe ich sie, wenn sie sich dazu setzte und ihren eigenen Kuchen nicht aß, weil sie Diät halten musste.
Flüssig lesen kann ich nur die Eintragungen meiner Schwiegermutter. Ihre Schrift wird im Laufe der Jahre immer größer, weil der Diabetes das Augenlicht immer mehr verdunkelte.
In den Büchern befinden sich viele ausgerissene Rezepte aus Zeitschriften, Zeitungen und eine Menge Vanillinzuckertütchen, auf deren Rückseite Backrezepte stehen. Das Kochbuch riecht nach Vanille.
Ich sehe Gisela in der Küche stehen und Kranzkuchen backen. Oder die vielen Früchte des Gartens verarbeiten, den mein Schwiegervater hegte und pflegte. Süßkirschen im Einmachglas. Kräuter getrocknet, als Tee in Blechdosen. Eine Haarsträhne vorwitzig aus dem Knoten gefallen. Ihre Statur klein und kompakt. Lieb!
Die Familie, alle zusammen unter dem Pflaumenbaum im großen Garten. Immer am Geburtstag, immer bei herrlichem Wetter. Familiefoto, Beisammensein. Wespen.
Wenn Engel Geburtstag haben, lacht der Himmel. Das tat er heute auch.
Herzlichen Glückwunsch, Gisela








