Kennt ihr das auch? Plötzlich und unerwartet ist er da. Der Tag, an dem man eine bestimmte Aufgabe erledigt haben muss. Ein Geschenk besorgt, einen Brief geschrieben, einen Anruf getätigt, einen Besuch gemacht, eine Reise unternommen. Einen Kuchen gebacken. Oder zwei.
Mir passiert das oft. Völlig unvorbereitet stelle ich mit Schrecken fest, dass der erste Advent schneller da ist als erwartet, der Heiligabend – viel zu früh im Jahr – auf den 24.12. fällt und Winterreifen aufgezogen werden müssen, obwohl doch erst der 20.11. ist und seltsamerweise für die nächsten Tage – ohne Rücksicht darauf, dass ich etwas Wichtiges transportieren muss – ein Wintereinbruch gigantischen Ausmaßes angekündigt wird.
Erschwerend kommt hinzu, dass ich Unpünktlichkeit hasse. Ich bin in all den Jahren meiner Berufstätigkeit einmal zu spät gekommen. Ich fuhr mit dem Mofa zur Arbeit und das Ding hat mich unterwegs hängen lassen. Ansonsten nehme ich immer einen Bus oder eine Bahn früher, bin schon lange Zeit, bevor überhaupt die Schalter öffnen, am Flughafen und stehe mir lieber die Beine in den Bauch, als nur eine Minute zu spät zu sein.
Deshalb wäre es eigentlich vernünftig, die Planung gewisser Ereignisse ordentlich und sinnvoll zu gestalten. Ich hatte das auch wirklich vor. Eigentlich.
Eigentlich weiß ich schon seit circa fünf Jahren (so lange kenne ich Gudrun), dass sie am 22.11.2008 stolze 70 Jahre alt wird. Eigentlich weiß ich auch, dass ich zu diesem Anlass Kuchen backen soll und werde. Den Frankfurter Kranz hatte sie schon vor geraumer Zeit bei mir bestellt. Vor ziemlich genau einem Jahr, als ich zu ihrem 69. Geburtstag eben diesen Kranz buk. Eigentlich wollte ich ihr, als Überraschung, einen weiteren Kuchen zukommen lassen.Hab ich auch. Aber nicht den, sondern ’nen anderen.
Eigentlich wollte ich einen doppelstöckigen, edlen Kuchen backen. Rund, dezent mit Fondant überzogen. Und mit Gänseblümchen dekoriert. Aus Zuckerguss gespritzt.
Peggy Porschen kann das. Eigentlich müsste ich das auch können. Eigentlich. Das Spritzen der „Blüten“ war ein Fiasko. Ich habe alles gegeben, aber ich habe nicht eine popelige Blüte hinbekommen. Diverse Konsistenzen verschiedenster Zuckerguss-Varianten wurden ausprobiert und für schlecht befunden. Zumindest in meinen Händen wurde jeder Ansatz des Versuchs, eine Blüte auf Pergament zu bannen, zum Grauen, von dem man sich tunlichst abwenden sollte.
Das war Montag (noch fünf Tage bis zum Event). Samstag fand der Geburtstag statt. Jeder halbwegs mental Gesunde hätte nun auf Plan B zurückgegriffen. Ich auch, allerdings war leider kein Plan B vorhanden.
Aber jede Menge Bücher, in denen jede Menge Torten ausgestellt sind, die nur darauf warten, von kreativen Köpfen und handwerklich geschickten Bäckern mal eben aus der Backform geschüttelt zu werden. Für mich als nicht wirklich geübte Motivtortenbäckerin waren die Objekte jedoch – eigentlich - eine Nummer zu groß.
Hilfe nahte in Form eines Buches von Lindy Smith: „Cakes To Inspire and Desire“. Gudrun hatte sich Musik aus den Fünfzigern gewünscht, ihre Siebziger würden bald anbrechen und so entschloss ich mich, die Lücke mit einem Kuchen aus den Sechzigern zu füllen.
Op Art. Das war’s. Schon immer hatte ich mich mit diesem Thema beschäftigt, ich bin geradezu eine Koryphäe, was diese Erscheinung angeht. Deshalb habe ich mich erst mal bei Wikipedia erkundigt, worum es hier überhaupt geht.
Gudrun, bekannt als Dame, die es gerne ordentlich und übersichtlich hat, würde dieser Kuchen bestimmt gefallen. Als ehemalige Krankenschwester würde ihr ein exakter Kuchen Freude bereiten. Das Unternehmen „op art boxes“ konnte also gestartet werden.
An eben diesem Montag (noch fünf Tage bis zum Event) bestellte ich bei tortissimo die benötigten Utensilien. Unter anderem schwarzes Fondant, ohne das ich komplett aufgeschmissen gewesen wäre. Mittwochs (noch drei Tage bis zum Event) - tortissimo sei Dank – wurde das Paket bereits geliefert und ich schwebte auf Wolke Sieben. Natürlich war die Wolke viereckig.
In Kurzfassung sah das weitere Vorgehen so aus:
Mittwoch (noch drei Tage bis zum Event):
Eine quadratische Torte backen, 25 x 25 cm. Eine quadratische Torte backen, 15 x 15 cm. Über Nacht auskühlen lassen. Vorher noch ausrechnen, wieviel Teig man benötigt. Das geht ganz einfach, indem man das Volumen des Rezepts der vorliegenden runden Torte ausrechnet (Höhe der Tortenform x halber Radius zum Quadrat x Pi [3,14]) und dann die Menge auf die quadratische Form (hier ein Backrahmen) umlegt. Ich habe es immer gewußt, für irgendwas musste Mathe mündlich im Abi doch gut sein.
Donnerstag (noch zwei Tage bis zum Event):
Torten füllen, beschweren, mehrere Stunden (am besten über Nacht) ruhen lassen. In die Autowerkstatt fahren und von Sommer- auf Winterreifen wechseln, schließlich habe ich zwei Tage später eine Torte zu transportieren. Oder zwei.
Freitag (noch EINEN Tag bis zum Event):
wegen fieser Bauchschmerzen den Arzt aufsuchen. Rückkehr auf die Homebase: 13.00 Uhr = noch 29 Stunden bis zum Event.
Tortenstenogramm:
Kuchen sorgfältigst gerade schneiden. Buttercreme-Icing, Zuckerkleber und Modellier-Paste herstellen. Fondant kneten, 5 mm dick ausrollen, schneiden. Buttercreme etappenweise (Seite für Seite) auf den Kuchen streichen, damit das Fondant Halt hat. Fondant-Platten grob zugeschnitten ansetzen, mit einem scharfen Messer überschüssiges Fondant abschneiden. Alle vier Seiten in Weiß, Deckel in Schwarz halten.
Etappenweise schwarze und weiße Modellierpaste 1,5 mm dünn ausrollen. Nach einem von mir akribisch vorgezeichneten Plan (ein weiterer Beweis dafür, warum ich früher jeden Schönschreibwettbewerb gewonnen habe)
und exakten Berechnungen, wie sie nur mein Mann hinbekommt (wofür hat man ihn schließlich Mathe studieren lassen?)
die Streifen für die Deko zuschneiden. Hierbei äußerst vorsichtig und so ordentlich wie möglich vorgehen. Masse unbedingt mit Folie abdecken, auch die zugeschnittenen Teile abdecken, damit sie nicht austrocknen.
Dekorieren. Das Zuschneiden nimmt sehr viel Zeit in Anspruch. Das Kleben der Musterstreifen mit Zuckerkleber geht dann recht zügig, wenn man sich vorher genau überlegt hat, wie man die Muster ansetzt.
Samstag, 1.30 Uhr (noch 16,5 Stunden bis zum Event):
Ins Bett gehen wäre nicht die schlechteste Idee. Nach fast zwölf Stunden Dekorierens fühle ich mich nicht mehr wirklich in der Lage, einen Saal mit Schwänken aus meinem Leben zum Toben zu bringen. Das Aufkleben ist geschafft. Jetzt (durch das Aufbringen der Deko haben sich die ursprünglichen Kuchenmaße geändert) die Kuchen sehr genau ausmessen und feste Plastikquadrate, knapp kleiner als der Kuchen, als Tortenunterlagen zuschneiden (aus Windowcolorfolie).
Ähhm, sollte ich nicht auch einen Kranz backen? Ja. Morgen.
Und hätte ich den Entstehungsprozess eigentlich fotografieren sollen? Ja. Nein. Keine Zeit, schlechtes Licht, beim nächsten Mal!!!!
Samstag, 7.00 Uhr (noch 11 Stunden bis zum Event):
Frühstück fällt aus. Überlegen, wie die Torte gestapelt werden soll. Das Original im Buch besteht aus vier Etagen, die so verschoben sind, dass Teile des oberen Kuchens über den unteren hinausragen. Das traue ich mich nicht. Also wird eine Ecklösung beschlossen. Plastikstrohhalme in den unteren Boden rammen, damit das Gewicht des oberen Bodens nicht zu schwer wird. Torten auf die zugeschnittenen Windowcolor-Platten setzen. Eine 35 x 35 cm große, quadratische Kuchenplatte (Kunststoffplatte Protex light Weiß aus dem Baumarkt – dort zuschneiden lassen) stellenweise mit Icing bestreichen (damit der Kuchen nicht rutscht), unteren Boden aufsetzen (VORSICHTIGST!!). Oberen Boden auf den unteren setzen (VORSICHTIGST!!). Ebenfalls vorher mit Icing sichern.
Kuchen stolz betrachten und feststellen, dass sich im oberen schwarzen Fondant eine Delle breit macht, die grauenvoll aussieht. Überdies erscheint die Oberseite viel zu nackt.
Verzweifelt überlegen, was geschehen soll. Der Ehemann hat wieder einmal die zündende Idee, eine 70 in Form von römische Buchstaben aus Fondant aufzulegen.
passt wunderbar ins Konzept. Also auch noch schnell diese Buchstaben aus Zuckerpaste hergestellen und den Kuchen damit bestücken.
Nach der Verarbeitung von 291 Einzelteilen ist es geschafft.
FERTIG!!!
Ach so. Den Frankfurter Kranz habe ich auch noch gebacken. Ich war gerade beim Dekorieren, als mit Gudrun verwandte Geburtstagsgäste auf ein „Hallo“ zu Besuch kamen. Ich habe mich darüber sehr gefreut. Auch darüber, dass sie mir in zwei meiner Kochbücher ganz liebe Zeilen geschrieben haben. Natürlich lasse ich nicht jeden Besucher in ein Kochbuch schreiben. Diese beiden aber durften, denn sie haben die Kochbücher geschrieben. Susanna Bingemer und Hans Gerlach heißen diese sehr sympathischen Mitmenschen, welche unter anderem die wunderschönen Kochbücher „Vietnam“ und „Alpenküche“ aus dem GU-Verlag veröffentlicht haben. Dazu demnächst an dieser Stelle mehr!
Liebe Susanna, lieber Hans, schön, dass ihr euch die Zeit genommen habt, einmal hereinzuschauen!
Samstag, 18.00 Uhr (Event):
Also, ich habe das dann ja noch rechtzeitig auf die Reihe bekommen. Es blieb sogar Zeit zum Umziehen, was vor allem Susanna und Hans bestimmt sehr zu schätzen wussten - die haben mich in den Putzklamotten kennengelernt.
Die Torte war ein voller Erfolg. Viele Gäste, inklusive der Gastgeberin, haben wirklich gedacht, dass es sich bei dem Kuchen um Schachteln handelt, in denen sich Geschenke befinden. Das hat mich natürlich diebisch gefreut. Zudem war die Resonanz nicht nur wegen des Aussehens, sondern auch wegen des Inhalts der Torten recht positiv.
Die untere Torte bestand aus dem bereits bekannten Schichtkuchen, den ich zur Goldhochzeit der Eltern gebacken hatte. Das obere Teil war ein kürzlich vorgestellter Spanischer Vanillekuchen, den ich flach gebacken habe, um ihn dann mit einer Schicht Marzipan zusammenzusetzen. Mein persönlicher Favorit ist und bleibt aber der Schichtkuchen. Den habe ich diesmal mit Margarine statt mit Butter gebacken, was der Lockerheit der Krume sehr zugute kam.
Das Fest war überaus gelungen, wir haben uns wunderbar unterhalten, gut gegessen und getrunken, alle Anwesenden hatten viel Freude an dem Abend. Wir haben liebe und nette Menschen wiedergesehen oder kennengelernt, Neues erfahren, Altes hervorgekramt. Wir haben klassischer Musik gelauscht und verschiedene Darbietungen verfolgt.
Hach Gudrun, schön war’s!